«Vom Glück des Nicht-Wissens»

Sommerbrief von Karin Schüpbach (PDF)

 

Kürzlich erzählt mir mein Sohn, wie von Amors Pfeil getroffen, vom Glück des Nicht-Wissens. «Ob ich mir dessen eigentlich bewusst sei», fragt er. «Hätte schon davon gehört,» meine ich und bin gedanklich damit beschäftigt, ob seine Erkenntnis ihn wohl gerade glücklich stimme oder sie viel mehr aus einem tief empfundenen Unglück resp. aus einer unendlichen Lernmüdigkeit komme. Denn schliesslich besteht sein Alltag derzeit aus der Anhäufung von Wissen, steht er doch kurz vor den Maturaprüfungen. Da wäre Nicht-Wissen definitiv ein «Fail». Aber nein, er erzählt mir begeistert von seiner Französisch-Pflichtlektüre, vom Gedankengut des «Hectors, der auf Reisen ging, um nach dem Glück zu suchen» und dem Leser Lektionen übers (Un)Glücklichsein erteilt; eine davon eben über den Vorteil, nicht zu wissen oder etwas nicht zu begreifen.

 

Kennen Sie das Glück des Nicht-Wissens? 

 

Vielleicht haben Sie gerade in der Urlaubszeit gespürt, dass erholsames Ferienmachen wesentlich darin besteht, nicht wissen zu müssen. Man kann in den Tag hineinleben, sich in das Sein hinein entspannen. Nicht, dass man nichts täte, vielleicht tut man sogar sehr viel, aber mit der grossen Freiheit, zu tun und zu lassen wie es einem beliebt. Nach einer gewissen Zeit öffnen sich Seele, Herz und Wahrnehmung, sie werden immer empfänglicher und hingebungsvoller an den jeweiligen Moment. Eindrücke durchdringen, kommen und gehen. Man muss nicht müssen, auch nicht wissen.

Viele meinen, dass sei eine Qualität, die nur fürs Wochenende und die Urlaubszeit reserviert sei – eben «Abschalten». Denn besonders im beruflichen Alltag geht das doch nicht! Da muss geleistet d.h. geantwortet, gewusst und gehandelt werden. In der Beratung habe ich oft den Eindruck, dass dieses enorme Tempo vom Impuls zur Reaktion und damit zum neuen Impuls, zwar total «trendy» gar «hip» ist, doch der Nachhaltigkeit nicht zuträglich sein dürfte. Im Alltag wird Reiz-Reaktion unbesehen zum Selbstläufer und die Schönheit des Nicht-Wissens geht verloren, so sehr dass wir dann «instant» Ferien brauchen. Besonders anfällig für diesen (auch selbstauferlegten) Druck scheinen mir Macher/-innen, leistungs- und pflichtbewusste Menschen, Führungskräfte, Mütter, Väter... und all jene, die meinen, es «nicht im Griff zu haben» sei ein «No-go».

Sokrates, jener griechische Philosophe, der für unser Weltverständnis tiefe Spuren hinterlassen hat, wurde zu seiner Wirkzeit (469-339 v.Chr.) von Pythia, der weissagenden Priesterin im Orakel von Delphi zum weisesten Mann der Antike erkoren. Sokrates konnte sich diese Ehre nicht erklären, gab es doch Gelehrte, die seiner Meinung nach viel mehr wussten als er selbst. Auf seiner Suche nach der Antwort, weshalb er der Weiseste sei, besuchte er seine klugen Kollegen und prüfte deren Wissen. Alsbald fand er heraus, dass diese zwar viel, aber nur vermeintlich mehr als er selbst wussten. Dort wo sein Wissen aufhörte, begann deren Scheinwissen, zu Neudeutsch «Fake-Knowledge», d.h. jenes Wissen, das sich nicht begründen liess, sondern auf Meinungen und Vorstellungen baute. So erklärte sich Sokrates seinen Weisheitsstatus mit: «ich weiss, dass ich nicht weiss». Im Unterschied zu den anderen Gelehrten war er sich der Grenzen seines Wissens bewusst. - Vielleicht macht es einem nicht glücklich, sicher aber weise und entspannter, die Grenzen des Wissens zu erkennen, bei sich und bei anderen und mit Blick auf das «Grosse Ganze» sich als Nicht-Wissende/r eine närrische Neugierde zu bewahren.

In meiner Zen-Praxis, sei es in der Sitzmeditation oder im gewöhnlichen Alltag, erfahre ich immer wieder das Befreiende und Öffnende des «Nicht-Wissens». Zum Beispiel: wenn ich meditierend auf die grosse Ruhe, den inneren Frieden warte und nicht verstehen kann, weshalb meine Gedanken unablässig plappern... wenn mich das Verhalten mir lieber Menschen so unverständlich erscheint, mich verwirrt, gar schmerzt... wenn ich auf der Bergtour mir kaum vorstellen kann, wie ich diese nächste Steigung noch schaffen soll... oder wenn ich als Beraterin ahnungslos bin, wie es für meinen Klienten weitergehen könnte... Gelingt es mir diesen manchmal zum Zerbersten dichten Moment des Nicht-Wissens zu (er)tragen, dort etwas zu verweilen, dann eröffnen sich oftmals unbekannte Räume, alternative Möglichkeiten oder einfach eine helle Leere. Es ist ein Ort, wo das Lachen kommt, Wissen so allgegenwärtig erscheint, dass ich mich manchmal weder an die Frage erinnere noch auf eine Antwort warte oder mir paradoxerweise eine Erkenntnis, eine Klarheit - eben Wissen - zufällt, das ich mir verstandesmässig nicht hätte erschliessen können.

 

Das eine tun und das andere nicht lassen.    

                                                

In unseren Kursen fördern wir explizit auch das «Nicht-Wissen» (siehe Kursangebot unten)

Ich wünsche Ihnen viel Bereicherung im neugierig-belebenden sich Aneignen von neuem, fremdem (Erfahrungs)-Wissen; die Einsicht als Wissende/r immer auch Nicht-Wissende/r zu sein; die sokratische Weisheit Scheinwissen oder Unwissen von Nicht-Wissen zu unterscheiden und den Mut, sich aufs «Nicht-Wissen» einzulassen um dem «Glück» Tor und Tür zu öffnen.

Herzlichst, Karin Schüpbach 

                                                                                          

Quellen: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Roman von François Lelord (Piper Verlag, 2004). /  Sokrates (Wikipedia) 

 

 

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